Heiligenberg – 800 Jahre und viel mehr

von Hans-Jürgen Wachholz

 

Die reizvolle Schönheit des Erholungsgebietes Heiligenberg mit seinen hoch aufragenden Wällen und den tiefen Schluchten überrascht und fasziniert Besucher immer wieder neu. Einheimische und Gäste spüren: Dies ist ein ganz ungewöhnlicher Ort, zu dem man gerne zurückkehrt.

2018 ist für diesen besonderen Ort ein besonderes Jahr. Ab 1218 ist gemäß der ältesten bekannten Dokumente die Existenz des MONASTERIUM MONTIS SANCTE MARIE (Kloster vom heiligen Berg der Maria) belegt. Vor 800 Jahren entstand hier somit das Kloster, das über 300 Jahre Wirkungsstätte adliger Chorherren vom Kanonikerorden der Prämonstratenser war. Das innerhalb der schützenden Wälle einer schon mehrere Jahrhunderte alten herrschaftlichen Burg gestiftete Kloster Heiligenberg gilt als fromme Schenkung des Grafen Gebhard I. von Wernigerode. Das Stiftungsgut umfasste auch eine Hofstelle mit über 170 ha Wald, Wiesen und Ackerland sowie zwei Wassermühlen.

Diese Stiftungsgeschichte beruft sich auf die angebliche Abschrift eines undatierten Briefes des damaligen Generalabtes der Prämonstratenser (Gervasius III.) an Papst Honorius III. Urkunden, die diese Darstellung stützen oder gar beweisen, sind nicht bekannt. Einig sind sich die Historiker nur darin, dass der Konvent der Ordensleute sich in einer 1217 bereits bestehenden kirchlichen oder auch weltlichen Institution bildete. Uneinig sind sie sich jedoch darüber, ob es sich bei Heiligenberg um Erbbesitz der Grafen von Wernigerode oder der sich als Widukinds Nachkommen bezeichnenden Bruchhausener Edelherren aus dem Oldenburger Grafenhaus handelte. Bremer Quellen deuten auf den aus dieser Familie stammenden Erzbischof Gerhard I. hin. Zudem sind enge Verbindungen zwischen dem Bruchhausener Zweig des Hauses Oldenburg und den Prämonstratensern belegt.

Der älteste schriftliche Hinweis auf die Existenz Heiligenbergs findet sich in einer Bremer Urkunde des Jahres 1223. Anlass: Reise einer Delegation von Bremer Domherren unter Führung des Heiligenberger Propstes Absalon nach Rom. Ihr Auftrag: den apostolischen Segen und die Insignien der Erzbischofswürden für Gerhard II. (von Lippe) zu erbitten und nach Bremen zu holen.

Deutlich später datiert sind urkundliche Erwähnungen, die auf ein Bestehen von HILIGENBARGH (niederdeutsch) oder HEILIGBERGH (oberdeutsch) im Jahr 1218 hinweisen. Ebenfalls jüngeren Datums sind Andeutungen, dass diese Ortsbezeichnungen schon vor dem Auftreten der Ordensleute gebräuchlich waren. Im Niederdeutschen stehen bargh oder bergh sowohl für Berg als auch für Burg. Die 3,5 ha umfassenden Hauptwälle schützten also das Zentrum einer mehr als sieben Hektarumfassenden frühmittelalterlichen „Burg der Heiligen“. – Nur welcher Heiligen?

Gute Zeiten - schlechte Zeiten

Mit Graf Ludolf von Bruchhausen als Schutz-Vogt, dessen Onkel (Erzbischof Gerhard I. von Bremen) als Gönner und dessen Nachfolger im Osnabrücker Bischofsamt (Adolf von Tecklenburg) als kirchlichem Beistand hatte das Stift Heiligenberg einen guten Start. Der zunächst von einem Probst und nach einer Ordensreform von einem Abt geführte Konvent erhielt 1218 das bis dahin vom Bremer Domstift ausgeübte Patronat über die Vilser Kirche zugesprochen. Bremens nächster Erzbischof (Gerhard II. von Lippe) bestätigte diesen Akt und der Bruder Heinrich des Welfenkaisers Otto IV. ließ Überlieferungen zufolge den Heiligenberger Chorherren wertvolle Reliquien zukommen. Darunter soll ein Schrein mit dem Chorhemd gewesen sein, das der Heilige Thomas Becket von Canterbury 1170 bei seiner Ermordung am Altar getragen hatte.

Heiligenberg war in der Klosterzeit nicht ein Rückzugsort für fromme Männer und auch mehr als ein Ort der Andacht und des Gebetes. Über 300 Jahre wirkten die im naturweißen Habit auftretenden Prämonstratenser unterschiedlicher Weihestufen ihrem Ordensprinzip gemäß „den Menschen zugewandt“ nach außen. Die nach der Augustinerregel lebenden Chor- bzw. Stiftsherren bewährten sich als Seelsorger in mehreren Kirchengemeinden der Nachbarschaft. Sie formten Heiligenberg zu einem sehr wohlhabenden geistlichen, kulturellen und auch wirtschaftlichen Zentrum der Region.

Für großen Wohlstand Heiligenbergs sorgten kaiserliche und päpstliche Privilegien. Die Prämonstratenser waren nur dem Papst und dem Kaiser verpflichtet und genossen Zollfreiheit – teils sogar gräfliche Rechte. Hinzu kamen großzügige Schenkungen vieler Adelsfamilien. Auch flossen dem Stift Heiligenberg neben den Erträgen von 27 eigenen Höfen noch Abgaben aus 72 Ortschaften und der Kirchenzehnt aus zehn Dörfern zu. 65 Höfe waren zu Hand- und Spanndiensten verpflichtet. Großzügig, aber nicht uneigennützig, halfen die frommen Männer so manchem edlen Herren über finanzielle Engpässe hinweg. 1313 gründeten die Heiligenberger Prämonstratenser ein Tochter-Stift in Kirchgellersen bei Lüneburg. Auch der Übergang der Vogtei-Aufgaben an die Grafen von Hoya (1338) wirkte sich zunächst positiv auf Heiligenberg aus.

Hungersnöte (1315 –1317 und 1437–1440) und die von 1356 bis 1361 in Norddeutschland wütende Pest gingen jedoch nicht ganz spurlos am Stift Heiligenberg vorüber. In ihrer Not und Verzweiflung suchten die Menschen die Nähe zu den „heiligen Männern“ und erwiesen sich ihnen gegenüber oft besonders großzügig.

Die Bauernaufstände des späten 15. Jahrhunderts und der Durchzug der Schwarzen Garde leiteten das Ende der guten Zeiten für die Prämonstratenser zu Heiligenberg ein. Das Söldnerheer hinterließ 1499 erheblichen Schaden.

In wirklich große finanzielle und schließlich existenzielle Nöte geriet das Stift Heiligenberg aber erst unter dem „Schutz“ des ob seiner Verschwendungssucht und permanenter Geldnöte berüchtigten Grafen Jobst II. von Hoya. Von den Welfen 1512 enteignet und vertrieben, konnte der seinen Besitz 1519 gegen Zahlung von 36.000 Gulden von diesen als Lehen erhalten. Die Reformation interpretierte der klamme Graf als Legitimation, auf den Besitz von Kirchen, Klöstern und Hochstiften zuzugreifen. 1530 setzte sich der nachhaltig bedrängte Abt Johann von dem Bussche (vermutlich unter Mitnahme großer Teile des Klosterschatzes und aller wichtigen Urkunden sowie Bücher) nach Schinna ab. Die Reste der Bibliothek verloren sich schließlich in Hoya und Martfeld. Ein Abendmalskelch aus dem 14. Jahrhundert verblieb in Asendorf.

1535 verfügte Graf Jobst II. von Hoya die Auflösung des Stifts und zog dessen Besitz ein. Ordentlich verbucht wurde ein Viehbestand von 13 Pferden, 50 Rindern (darunter 23 Milchkühe) und 306 Schafen.

Die Gebäude wurden dem Verfall preisgegeben und ihre Reste erst 1563 nach dem Tode von Graf Albrecht II. für dessen junge Witwe Katharina (von Oldenburg) aufgelistet. Ihr waren das Amt Bruchhausen und Heiligenberg zum Leibgedinge verschrieben. Verzeichnet wurden: eine verfallene Kirche mit allerlei alten Bildern, Stühlen und Hebeln zum Antrieb der zwei Blasebälge des Orgelwerks, ein alter Stall bei der Kirche, ein Engelhaus genanntes kleines Haus, zwei Vorratshäuser, ein Glockenturm aus Holz, ein Backhaus, ein Haus mit Keller, ein Siechenhaus, ein Pförtnerhaus, ein Vorwerkhaus mit dazugehöriger Mühle sowie die obere und untere Mühle.

Die Grafenwitwe nutzte die Heiligenberger Ruinen als Steinbruch für den Ausbau ihrer Residenz in Bruchhausen. Die letzten Mauern wurden 1600 „gesprenget und niedergelegt“ und das Gelände 1607 eingeebnet.

Was vorher war

Das Kloster Heiligenberg existierte im Schutz der mächtigen Wälle einer vermutlich im frühen Mittelalter errichteten, mächtigen Burg. Obwohl es sich um die drittgrößte Burg ihrer Zeit in der Region Hannover gehandelt haben soll, ist nichts über sie bekannt. Die lange gebräuchliche Klassifizierung als bäuerliche Fluchtburg ist verworfen. Einig sind sich die Historiker darin, dass hier ein Herrschaftssitz gewesen sein muss. Dieser könnte als Grafenburg in der Karolingerzeit errichtet worden sein – oder als Häuptlingsburg schon vor der Christianisierung der Sachsen. Am weitesten zurück wagte sich 1958 der Prähistoriker Prof. Dr. Ernst Sprockhoff und ordnete die Burg „vorgermanischer Zeit“ zu. Andere Thesen besagen, dass es sich um eine Burg der sich als Nachfahren Widukinds bezeichnenden Oldenburger gehandelt habe.

Begräbnisstätten der Bronze- und der Jungsteinzeit belegen eine spätestens im 7. Jahrtausend v. Chr. einsetzende und sich dann verdichtende Besiedlung der Geesthöhen über dem Urstromtal der Weser. Weit über 3.000 Jahre alte und als sensationell bewertete Funde in der näheren Umgebung deuten auf eine schon lange vor Beginn der römischen Eisenzeit vorhandene Kultur hin - auf deutlich höherer Stufe als bislang angenommen.

Das nach drei Seiten durch tiefe und unwegsame Quellschluchten geschützte Plateau Heiligenbergs bot sich unseren Vorfahren als idealer Siedlungsplatz an. Und sie faszinierte schon eine Besonderheit: Unter rund drei Dutzend Quellen finden sich einige, die gleichmäßig schütten und weder trocken fallen noch zufrieren. Diese zuletzt im Sommer 2006 und im Winter 2014/15 beobachteten Phänomene dürften zur Bildung eines hochrangigen Heiligtums geführt haben. Dessen Anziehungskraft nutzten christliche Missionare, indem sie an die Stelle der alten Götter die Gottesmutter Maria als Quellenheilige und Mittlerin zwischen den Menschen und Gott setzten. So entstand ein Wallfahrtsort, dessen Kirche (wie alte Chroniken berichten) „buten des Walles“ gestanden haben soll. Wer oder was zuerst und überhaupt da war - Quellenheiligtum und späteres Marienheiligtum oder die mächtige Burg - darüber kann nur spekuliert werden.

Was nachher kam

Nur wenige Jahre nach der vollständigen Zerstörung macht sich neues Leben bemerkbar. Höfischer Glanz fällt ab 1645 auf Bruchhausen und strahlt auch nach Heiligenberg aus. Herzog Christian Ludwig von Braunschweig Lüneburg hält sich häufig in Bruchhausen auf und erwählt Heiligenberg als Revier für die Beizjagd auf Reiher. Nachfolger Georg Wilhelm macht Bruchhausen 1648 gar zu seiner Sommerresidenz und gründet 1653 in der Nachbarschaft das Gestüt Memsen. Nach seinem Tode verlieren Bruchhausen und Heiligenberg ihre Bedeutung.

Das ändert sich ab der Mitte des 18. Jahrhunderts. Naturliebende Bürger der benachbarten Ortschaften und der Hansestadt Bremen zieht die von einem Hauch Mystik umwehte und einzigartige Landschaft magisch an. Heiligenberg wird zum Ausflugs- und Naherholungsort. Vilsens großer Sohn David Heinrich Hoppe soll hier seine ersten „Gehversuche“ als Botaniker unternommen haben.

1794 entsteht der Dienstsitz eines Reitenden Försters. Dieser begründet die Heiligenberger Gastronomie, was besonders sangesfreudige Männer anzieht.

Einen kulturellen Höhepunkt setzt 1863 das vom Weser-Sängerbund veranstaltete Fest der niederdeutschen Sängergaue. Zwei Jahrzehnte später lässt sich der Vilser Komponist Hans Ludwig Rahlfs hier zur Vertonung vieler Wanderlieder inspirieren - das bekannteste darunter: „Auf der Lüneburger Heide“ von Hermann Löns.

Der 1904 gegründete Verschönerungsverein Vilsen lässt innerhalb der Wallanlage eine Freilichtbühne entstehen. Diese feiert 1910 mit „Rosenfest“ ihre erste und 1967 mit „Alles för de Katt“ ihre letzte Premiere.

1964 wird die Försterei geschlossen und an den Gastwirt Wilhelm Linne verkauft. 1966 eröffnet er das Restaurant & Hotel „Forsthaus Heiligenberg“ und macht es zusammen mit seiner Nichte Marlene Igwerks und deren Ehemann Otto Igwerks zu einer gastronomischen Spitzenadresse der Region. Nach einem Besitzerwechsel 1994 sinkt der Stern des beliebten Lokales rapide.

1998 erwirbt Familie Brüning das „Restaurant & Hotel Forsthaus Heiligenberg“ und macht es zu „der guten Adresse“ für naturnahe Erholung, stilvolle Familienfeiern und Konferenzen.